Autor: Katja Schwarz  
Freitag, 22. Januar 2010 07:51
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Kinder Armut und Ermessungsspielräume der ARGE

Kinder Armut und Ermessensspielräume der Arge

 

Als ich im Jahr 2008 wegen langer Krankheit meinen Job verlor und dann durch anhaltende Krankheit in Hartz IV gerutscht bin, war der Schritt ins Grauen getan.

 

Keinem da draußen muss ich sagen, dass man von Hartz IV nicht leben kann, keinem muss ich sagen, das 15 wöchentliche Bewerbungen manchmal nicht ausreichen, um endlich wieder in Lohn und Brot zu stehen, ferner ist auch bekannt, das manchmal eine Vollzeitstelle nicht ausreicht um seine Kinder alleine zu ernähren.

 

Die Mehrzahl der Menschen stempeln Hartz IV Empfänger ab, was ich an Schulen erlebt habe, was ich in der Öffentlichkeit erlebt habe und keiner dieser Menschen scheint zu wissen, wie schnell man in die Situation rutschen kann, von Hartz IV leben zu müssen.

Glauben diese Menschen denn, dass sie niemals krank werden können, glauben sie, dass sie einen Arbeitgeber haben, der ihnen in langer Krankheit die Stange hält und geduldig wartet, bis sie wieder einsatzbereit sind?

 

Zum Schutze meines Sohnes habe ich mich in der Öffentlichkeit nie geoutet, als Hartz IV Empfänger, doch eigentlich müsste man es tun, um die Menschen wachzurütteln und verständlich zu machen, dass nicht alle Hartz IV Empfänger aus Faulheit oder ähnlichen Dingen von Hartz IV leben wollen, dass die Mehrzahl der Hartz IV Empfänger lieber heute als morgen aus diesem Teufelskreis raus möchten und nur keine Chance haben, weil sie in der Arge nur ne Nummer sind und nie der Mensch dahinter betrachtet wird.

 

Als mein großer Sohn im Oktober 2009 aus beruflichen Gründen nach NRW zog, wurden mir nicht nur der Regelsatz extrem gekürzt, welches auch Sinn macht, weil ein Hilfebedürftiger de fakto weggefallen ist, nein – die Arge entschied auch noch, dass ich wegen Angemessenheit meinen Wohnraum verlassen soll, weil nämlich meine Miete nun 50 € über der Angemessenheit liegt und mir nur eine Warmmiete von 399 € zustehen würde.

 

Ich stelle gar nicht erst die Frage, ob ihr euch vorstellen könnt, eine Wohnung zu finden, die warm nur 399 € kosten soll, denn ich habe die Zeitungen gewälzt und im Internet geschaut und keine Wohnung in dieser Preisklasse gefunden.

 

Das Hauptproblem  hier ist allerdings, dass ich aus therapeutischen Gründen gar keinen Umzug vollziehen kann, weil mein kleiner Sohn (seit 1,5 Jahren in therapeutischer Behandlung) keinen erneuten Umzug verkraften wird.

 

Ums Überleben zu kämpfen ist hier die eine Seite, die andere Seite ist, dass einem immer wieder Steine auf den Weg gelegt werden, in der Zeit wo man versucht mit eigener Kraft wieder auf die Füße zu kommen.

Mein Abschluss zur Wirtschaftsfachwirtin ist vier Wochen her, die Zeit eine neue Arbeit zu finden zieht sich wie Kaugummi, die Firmen suchen und schaffen es doch nicht, innerhalb von vielen Wochen eine Entscheidung zu treffen.

Man sitzt auf heißen Kohlen, weil man nicht weiß, wie man den nächsten Einkauf bezahlen soll, sucht eine Tafel in der Nähe und sträubt sich doch, zugeben zu müssen, dass man schon so weit unten angekommen ist!

 

Deutschland ist ein Sozialstaat, wo ist dieser Sozialstaat, wenn ich meinen Sohn und mich mit 250 € über die Runden bringen muss, wo ist der Sozialstaat, wenn selbst eine neue Hose fürs Kind, der Anschaffung eines neuen Autos gleicht, weil man nicht weiß, wo man dieses Geld hernehmen soll?

 

Wo ist die soziale Unterstützung, wenn ich nicht zum Arzt gehen kann, weil selbst die 10 € Praxisgebühr einfach nicht vorhanden ist – wo ist die Gleichstellung aller Menschen, wenn die zwei Klassengesellschaft dadurch entsteht, dass  nicht mehr alle Menschen zum Arzt gehen können?

 

Ich denke, man könnte von dem Regelsatz wirklich ganz gut überleben, wenn der Regelsatz für die Personen, die im Haushalt leben, auch übrig bleiben würde, wenn man seine Rechnungen beglichen hat! Klar könnte ich aufhören, meine Rechnungen zu bezahlen, um zu überleben, aber das ist nicht meine Natur, ich möchte keinem etwas schuldig bleiben und das heißt, Priorität Nummer 1, am 1. des Monats werden alle Rechnungen beglichen.

 

Als ich anfing unwichtige Dinge in meiner Wohnung zu verkaufen, um den nächsten Einkauf bezahlen zu können, fand ich das nicht schlimm, weil ich nie an materiellen Dingen gehangen habe, aber irgendwann ist auch diese Reserve verbraucht und wie geht es jetzt weiter?

Nein ich stecke nicht den Kopf in den Sand, das war auch nie  meine Art, ich werde weiter kämpfen, aber ich möchte, das die Menschen da draußen erfahren, das man nicht von Hartz IV lebt, weil es so schön einfach ist – es ist nicht einfach – weder den ganzen Tag, nach Jobs zu suchen, noch hier zu Hause zu sein und festzustellen, dass man sich im Kreis dreht, egal was man auch anstellt, egal welche Versuche man auch unternimmt, NICHTS passiert!

 

Das schlimme ist, man hat so viel Zeit wie nie zu vor, aber man kann nicht viel mit dieser Zeit anstellen, weil doch fast alle Aktivitäten wieder Geld kosten.

Irgendwann möchte man nicht nur noch lesen, schreiben, Karten spielen, spazieren gehen – irgendwann möchte man einwenig mehr vom Leben und wieder am aktiven Leben teilnehmen, doch wie?

 

Wenn dieser Brief auch nichts an meiner persönlichen Situation ändern wird, so hoffe ich doch, dass ich es schaffe, ein paar Menschen wachzurütteln und zu verdeutlichen, das wir eben nicht in einem Sozialstaat leben und das man in eine Randgruppe gerutscht ist, weil man weder Job noch Geld hat, um am aktiven Leben teilzunehmen.

 

Mit freundlichen Grüßen

K. Schwarz




 
Unterschriften (1)
25-03-12 1 Charlotte Maslonka ------
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Unterschrift

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